Sprache & Kulturelles

Mit Kreide gemalte Szene "Händeschütteln" an Schultafel


Zugegeben- jetzt während der Corona-Pandemie mag niemand so richtig gerne vermeintlich verkeimte Hände schütteln- egal welches Geschlecht mit dem Besitzer dieser Hände verbunden ist. Zumindest ich bin richtig auf Abstand. Ansonsten ist es mir wichtig Menschen freundlich zu begrüßen. Was als freundlich empfunden wird, nun ja hier befinden wir uns in einer Grauzone. Diese wird durch viele Faktoren geprägt und je mehr Faktoren dir einfallen, desto mehr verrät es über deinen Background und dein Umfeld. Zum einen ist es deine Beziehung zu der jeweiligen Person, zum anderen ist es aber auch euer jeweiliges Alter, Geschlecht und Status. 

Schüttelt man Frauen in der Ukraine die Hand zur Begrüßung?

Während ich in vielen sowjetischen Filmen beobachten kann, wie Frauen in verschiedenen Situationen mit Handschlag begrüßt werden, so scheint dies eine andere Zeit gewesen zu sein. Aus persönlichen Beobachtungen und Erfahrung kann ich sagen, dass eine physische Begrüßung unter Männern sehr wohl mit Handschlag, manchmal auch verbunden mit einer Umarmung vollzogen werden kann. Gegenüber Frauen sind Männer zurückhaltender, oft wird nur vage in Richtung der Frau geschaut und ein „Здравствуйте!“, die höfliche Begrüßung gegenüber noch-Fremden hervorgebracht. Frauen, begrüßen sich untereinander oft mit Küssen auf die Wange (meist 3 Stück-rechts-links-rechts) oder durch freundliches Zunicken.

Einige Männer reagieren auch irritiert darauf, wenn die Frau ihrerseits die Hand zur Begrüßung ausstreckt (Ich spreche da aus Erfahrung:). Dabei wird diese Zurückhaltung seitens beider Geschlechter als Zeichen des Respekts gegenüber der weiblichen Person gedeutet. Diskussionen darüber, ob es sexistisch sei einer Frau die Tür aufzuhalten, wie ich sie in gewissen Kreisen in Deutschland öfter erlebe, gibt es in der Ukraine meines Wissens nicht. Als ich Freunden meines Falken mit Hilfe seiner Übersetzung versucht habe zu erklären, was Gendersprache bedeutet und dass sich leider auch in meinem Bekanntenkreis Frauen über Tür aufhaltende „Sexisten-Schweine“ beklagen, wurde ich für verrückt erklärt.

In der Ukraine normal in Deutschland sexistisch: Fotos wie Männer Frauen in den Mantel helfen oder einen Handkuss geben

Unterschiedliche Auslegung von Gleichberechtigung in der Ukraine und Deutschland

Es konnte niemand verstehen, warum sich manche deutschen Frauen so schwer mit ein „bisschen gelebtem Respekt“ im Alltag tun. Ich habe öfter beobachtet wie Frauen mit Kinderwagen ganz selbstverständlich so lange vor der Eingangstreppe eines Restaurants gewartet haben, bis ein Kellner rauskam oder ein Passant ihnen den Kinderwagen ins Restaurant getragen hat. Wenn ich mühsam alleine versuche durch „Treppe hochjuckeln“ den Kinderwagen ins Restaurant zu bugsieren, so bringt mir das keine Pluspunkte für meine Selbstständigkeit als Frau ein. Eher zeige ich mangelndes kulturelles Verständnis und stelle meinen Mann bloß, wenn ich den Kinderwagen selbst trage. Ich verstehe die Argumente für Gendersprache und bin absolut gegen Sexismus, jedoch finde ich es traurig, wenn sich an Nebenschauplätzen wie Stühle-Rücken, Mantel-reichen und Tür-aufhalten abreagiert wird, statt die wahren Feinde in der Gleichberechtigung in Deutschland anzuprangern: Chancengleichheit, Gender-PayGap und Ungleichheit bei der Verteilung der Hausarbeit. Zumindest in beruflicher Hinsicht sind die Ukrainer viel weiter in Sachen Gleichstellung, was wohl vor allem an der sowjetischen Vergangenheit liegt. Vielzitiert ist ein halbironischer Spruch in unserem Freundeskreis: „Da durften auch Frauen im Straßenbau und als Soldatinnen arbeiten. Schon immer.“ Auch ist mir nie untergekommen, dass abwertend über das andere Geschlecht gesprochen wurde (weder von Frauen über Männer noch von Männern über Frauen). Mich fasziniert, dass man die Unterschiede zwischen den Geschlechtern scheinbar umso mehr zelebrieren kann, je fairer die wirtschaftlichen und sozialen Ausgleichsbedingungen für Männer und Frauen sind, auch wenn es sicherlich in allen Kulturen auch nach 111 Jahren Weltfrauentag noch Aufhol- und Klärungsbedarf gibt. 
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