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Wie feiert man Weihnachten in der Ukraine?

Weihnachten in der Ukraine -Weihnachtsstadt mit Schnee und Lichterschmuck

Wie wir als ukrainisch-deutsche Familie Weihnachten feiern!

Die ersten Weihnachtsfeste mit meinem Falken verliefen etwas verhalten. Überwiegend feierten wir bei meiner Familie mit, die seit meiner Kindheit ein wiederkehrendes Muster verfolgt: In der Adventszeit wird gebacken und gebastelt, an Heiligabend feiert zunächst der engste Familienkreis. Früher waren das mein Bruder, meine Eltern und ich. Am 25. Dezember, also dem ersten Weihnachtsfeiertag, feierten wir dann mit der Familie väterlicherseits, am 26. Dezember, also dem zweiten Weihnachtsfeiertag, wiederholten wir das Ganze mit der Familie mütterlicherseits. 

Die Zeremonie war immer ähnlich und unterschied sich auch an den drei Feiertagen nicht wesentlich voneinander. Die Morgen waren geprägt von letzten Vorbereitungen, wir Kinder durften den Baum schmücken, der Braten musste in den Ofen, die Soßen angedickt und frischer Salat zubereitet werden. Meist kreierte mein Vater ein sehr aufwendiges Weihnachtsmenü, dass von Jahr zu Jahr variierte, solange es nur seeehr aufwändig und besonders war, während meine Mutter bereits die vielfältigen Bäckereiarbeiten in der Adventszeit begleitet hatte. So mussten bei uns zu Weihnachten und am besten schon in der Adventszeit mindestens diese Plätzchenvielfalt auf dem Kuchentisch verfügbar sein: Linzer Sternchen nach Familienrezept (ohne Marmelade, nur Guss und Streusel ;), Spritzgebäck nach Tante Birgit, Nussküsschen, Nussecken und natürlich eine mächtige Linzer Torte, die mit ihrer zähen Masse aus Walnüssen und Honigkaramell eher an Baklava erinnert. Neue Plätzchenrezepte wurden immer gerne ausprobiert, jedoch durfte auf die altbewährten Klassiker nie zu Gunsten der neuen Varianten verzichtet werden. Aus meinem Freundeskreis weiß ich, dass andere Familien es mit dem Plätzchenbacken und ihren jeweils familientypischen Rezepten ähnlich streng halten, wobei die Art der Plätzchen, die es zu backen gilt, sehr unterschiedlich sind. „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ war neben dem „Kleinen Lord“ ein klassischer Fernsehfilm, wenn wir Kinder zu unruhig wurden. Wenn endlich der Nachmittag dämmerte und trotz +16° C Außentemperatur der Kamin und die Kerzen angezündet wurden, durfte zumeist mein Vater den Tannenbaum die goldene Spitze aufsetzen. Meist gab es dann Kuchen, Kaffee und Plätzchen, anschließend unter Gesang und Musik eine ausschweifende Bescherung und im Anschluss daran das üppige Weihnachtsmal. Einige Male versuchten wir einen Kirchenbesuch unter zu bringen, aber in Anbetracht meiner teilskatholisch-teilsevangelisch- teilsausgetretenen- Familie wollte sich dieser Brauch nie ganz rund anfühlen. Nach dem Essen haben wir oft noch stundenlang gesungen, getanzt oder Gesellschaftsspiele gespielt. 

Üppiges Weihnachtsessen mit gebratener Gans und Rotkohl

Mein Falke hatte zunächst leichte Aversionen gegen Weihnachten, war er in der prägenden Phase seiner Kindheit doch überwiegend mit dem sowjetischen Jolkafest aufgewachsen und mit 11 Jahren in der neuen Heimat wurde er mit der neuen Art zu Feiern auch nicht so schnell vertraut. Trotz der irritierend-kitschigen Weihnachtsmusik, die meine Mutter auch heute noch gezielt Heiligabend zur Unterbindung jeglicher „Wann kommt das Christkiiiiind?“-Fragen abspielt, waren es vor allem die Weihnachts- Plätzchen, die meinem Falken die Rechtmäßigkeit des „deutschen“ Weihnachtsfestes nähergebracht haben.

Sowjetische Kindheit - Weihnachten in der Sowjetunion

Bei ihm wurde in Kiew damals, wie in den übrigen Teilen der Sowjetunion auch, das Jolkafest gefeiert. Mehr oder wenig ideologisch aufgeladen, ersetzte dies seit 1937 das orthodoxe Weihnachtsfest und wurde zum Jahreswechsel am 31.Dezember zur Ehre der Tanne (russ. Jolka) abgehalten, die sinnbildlich für den Winter steht. Der Neujahrsbaum wurde häufig mit einem roten fünfzackigen Stern geschmückt und Väterchen Frost wurde später als Gegenstück zum „westlichen“ Weihnachtsmann (der ja eigentlich ein miss-interpretierter türkischstämmiger Nikolaus ist) stilisiert.

Religion war in der Sowjetunion weitestgehend verpönt, wenn nicht verboten, so dass mein Falke unter strengster Geheimhaltung im Alter weniger Tage in einer klandestinen Zeremonie orthodox getauft wurde. Nach der Auflösung der Sowjetunion erhielten die Kirchen einen massiven Zulauf und es erfolgte schnell eine Rückkehr zu den orthodoxen Feiertagen, die zuvor nur im Verborgenen gelebt werden konnten. Die Orthodoxe Kirche der Ukraine vereint seit 2018 mehrere orthodoxe Strömungen im Land und umfasst damit in etwa 75% der Ukrainer. 

Weihnachtsbaum Jolka Baum auf Auto im Schnee

Auch wenn der Neujahrsbaum als Tradition in vielen postsowjetischen Haushalten geblieben ist und mich Unwissende bei meinen ersten Besuchen als „Weihnachtsbaum“ verzückt hat, sind sehr viele Ukrainer postwendend zurück zur alten Tradition und Gläubigkeit zurückgekehrt. So wie es in Deutschland ein „Nord-Süd“-Gefälle gibt, so kann man viele kulturelle Unterschiede in der Ukraine an „West“- und „Ost“ festmachen. 

Wie feiert man orthodoxe Weihnachten in der Ukraine?

Wann Weihnachten in der Ukraine gefeiert wird, lässt sich pauschal nicht fehlerfrei beantworten und ist regional und familienabhängig.  Vor allem in der Westukraine gibt es einige Protestanten und Katholiken, die nach gregorianischem Kalender am 25. Dezember feiern. Mittlerweile ist der 25. Dezember landesweit ein gesetzlicher Feiertag. Da die orthodoxe Kirche am julianischen Kalender festhält, fällt Heiligabend auf den 6. Januar und der erste Weihnachtsfeiertag auf den 7. Januar. Die Mehrheit der ukrainischen Familien versammelt sich daher am 6. Januar, dem letzten Tag der Weihnachtsfastenzeit. Diese dauert 6 Wochen und ist im Begriff in der Ukraine geläufiger als der Begriff „Advent“. In der Fastenzeit und somit auch noch am 6. Januar wird bei fastenden orthodoxen Gläubigen durchgängig mindestens auf Fleisch, Milchprodukte und Eier verzichtet. Heiligabend wird dennoch üppig aufgetischt: Traditionell stehen in Anlehnung an die 12 Aposteln 12 Gerichte auf dem Tisch. Bis auf Hering oder Hecht (denn Fisch ist an manchen Tagen erlaubt) sind alle Speisen vegetarisch oder sogar vegan. Es gibt meistens eine fastentaugliche Variante von Borschtsch, Wareniki die mit Kartoffeln gefüllt sind, Holubtzi köstliche Krautwickel, Pampushki und vieles mehr. Von außerordentlicher Wichtig- und Köstlichkeit ist hierbei jedoch die Süßspeise Kutja. Traditionell als erste Speise serviert und mit einem Segensspruch des ältesten Familienmitglieds gesegnet, besteht dieses süße Gericht aus gekochten ganzen Weizenkörnen, Mohnsamen und Honig und je nach Familie auch Rosinen und Nüsse. Ich liebe unsere Variation mit sehr viel Mohn und verschwenderisch viel Walnuss… Getrunken wird meist Uzwar, ein leicht rauchig schmeckendes Getränk aus gekochten (und zumeist gedörrten Früchten). Als Fastentag eigentlich ohne Alkohol begangen, vollziehen die meisten Ukrainer hier großzügig die Ausnahme von der Regel. Getrunken wird meist selbstgebrannter Horilka. Diesem Getränk konnte auch meine deutsche Familie einiges abgewinnen, leider ist es hier aufgrund der rechtlichen Bestimmungen schwer an gute, selbstgebrannte Erzeugnisse zu kommen. 

Vor ein paar Jahren gab es eine kleine schleichende Weihnachtsmüdigkeit in meiner Familie. Mein Bruder und ich als letzte Kinder der Familie waren lange erwachsen und wussten längst über Christkind und Weihnachtsmann Bescheid. So richtig singen wollte seit Omas Tod auch niemand mehr und so wurde Weihnachten immer mehr ein „normales“ Familienfest mit etwas Deko. Seit unsere kleinen Küken geschlüpft sind merke ich jedoch einen aufregenden Wandel. Die frischgebackenen Omas und Opas haben wieder Lust am aufwendigen Schmücken, die Weihnachtskrippe wird wieder hergerichtet und die Weihnachtsgeschichte im Zweifel auch mit Duplo-Figuren nachgespielt. Die Vorweihnachtszeit wird wieder die Zeit von Märchen und Sagen, Plätzchenduft und ferner Verheißungen. 

Mittlerweile feiern mein Falke und ich Weihnachten an beiden Gelegenheiten, zum einen weil es schön ist, zum anderen weil wir uns nicht entscheiden können und unseren Kindern beide Kulturen näher bringen wollen. Wir denken so dass Beste aus beiden Kulturen vereint zu haben. Außerdem kann er nicht mehr ohne Nussecken leben und ich freue mich das ganze Jahr auf eine sehr mohnig-honige Kutja. 

Nussecken als typisches deutsches Weihnachtsgebäck

Das orthodoxe Weihnachten möchten wir dieses Jahr (nach julianischem Kalender) verstärkt mit unseren Kindern feiern, nachdem wir die letzten Jahre zu dieser Zeit gereist sind und nur wenig Bräuche „selber“ machen konnten. Ich lege großen Wert auf alle 12 Speisen und möchte auch, wie mancherorts üblich, Knoblauchzehen und Walnüsse auf den Tischecken verteilen als Zeichen von Gesundheit (Stark wie eine Nussschale) und Zusammenhalt der Familie (wie die Zehen einer Knoblauchknolle). Auf den Didukh, eine Art ukrainischer Weihnachtsbaum aus Getreideähren des Vorjahres der vorchristlichen Ursprung hat, werden wir wohl verzichten müssen, weil wir wieder versäumt haben uns Ähren aufzubewahren. Die Kolyadki, die traditionellen ukrainischen Weihnachtslieder werden wir jedoch bereits die ganze Weihnachts- und Adventszeit hören, weil sie einfach unfassbar schön sind. Wenn wir neben dem ganzen Backen Zeit finden werden wir euch vielleicht eins übersetzen 😊 Bis dahin eine Frohe Vorweihnachtszeit! 

Wusstet ihr übrigens, dass eines der bekanntesten Weihnachtslieder überhaupt auf einem ukrainischen Lied basiert. Das sogenannte “Carol of the Bells”  geht auf ein das traditionelle ukrainische Lied Schtschedrik zurück.

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