Sprache & Kulturelles

Kulturelle Unterschiede zwischen der Ukraine und Russland!

Dies ist ein vertiefter Beitrag zu der kurzen Übersicht „10 Dinge die du vor deiner Reise in die Ukraine wissen solltest!“ den du auch hier im Blog findest.

Russisch als weit verbreitete und gemeinsame Sprache, kulturelle Ähnlichkeiten, geologische Nähe und das geschlossene Auftreten während fast 70 Jahren Sowjetunion, haben dazu beigetragen, dass die Ukraine und Ukrainer häufig mit Russland und Russen verwechselt haben. Dieses Schicksal teilen sie sich mit Kasachen, Weißrussen und Bürgern anderer ehemaligen Sowjetstaaten.

Ich habe die Ukrainer als sehr friedliebendes Volk erlebt. Auf unseren Reisen haben wir uns auf einem Campingplatz mit anderen „Voltzwagen T 3“ Fahrern angefreundet, wie sich herausstellte eine halbe Brigade spezialisierter Armee-Kommandeure. Trotz des seit Jahren schwelenden Ukraine-Konflikts und persönlichen Verlusten im Freundes- und Kameradenkreis, war kein schlechtes Wort über die Russen zu hören. Da alle aus Kiew kamen, fanden die Gespräche auch in Russisch statt. Bereits die Hymne der Ukraine ist meiner Ansicht nach defensiv und auf Frieden ausgerichtet, in dem es zärtlich auf Ukrainisch heißt: „Згинуть наші воріженьки, як роса на сонці. Запануєм і ми, браття, у своїй сторонці“ („Verschwinden werden unsere Feindchen wie Tau in der Sonne, und auch wir, Brüder, werden Herren im eigenen Land sein“).

Wegen ihrer unglaublich fruchtbaren Böden und der guten Klimabedingungen am Schwarzen Meer ist die Ukraine seit Jahrhunderten Spielball fremder Interessen und musste auch im Zweiten Weltkrieg schwere Verluste hinnehmen.

Denkmal der Luftwaffe Kiew und Soldaten im Schützengraben

Abb. 1 Denkmal der Luftwaffe und Soldaten im 2. Weltkrieg im Schützengraben

Dies konnte ich traurigerweise erst richtig begreifen, als ich in der Ukraine unterwegs war und mit eigenen Augen die Überbleibsel der alten Wehranlagen gegen die Faschisten und die beeindruckenden Mahnmale und Denkmäler gesehen habe.

In Kiew diente die gesamte, extra tief angelegte U-Bahn Anlage als Bunker und unterirdisches Transportsystem. Im Fall einer massiven Bedrohung der Stadt gab es Pläne die Stadt durch die Dnepr zu überfluten und mit der Bevölkerung in den Untergrund, die U-Bahn zu gehen. Bis heute hat sie eine Bedeutung für den Fall eines Krieges und Filmaufnahmen sind daher immer noch streng verboten. Es gibt jedoch auf YouTube großartige Dokumentationen über die Bedeutung der U-Bahnanlagen in der ehemaligen Sowjetunion und einige YouTuber dringen nehmen dich mit auf Touren durch stillgelegte Schächte und geheime Versammlungsräume. An der wunderschönen Dnepr, einem Fluss den sich Russland, Weißrussland und die Ukraine teilen, sind an den Kiewer Ufern immer wieder große Beton Hindernisse zu finden, die den Faschisten Einhalt gebieten sollten. Auch an den Schwarzmeerufern rund um Odessa finden sich diese verstörenden Zeitzeugen, die umspielt von warmem Wasser meinen Küken als Klettergelegenheit gedient haben.

Im Film „Red Sniper“, der auf der wahren Begebenheit der tödlichsten sowjetischen Scharfschützin, Lyudmila Pavlichenko, auch „Lady Death“ genannt, wird unter anderem sehr eindrucksvoll der lange und tragische Kampf um die in der heutigen Südukraine liegenden Stadt und den Seehafen Sewastopol gezeigt. Der Film ist ein beeindruckendes Portrait einer jungen Frau im Krieg und zeigt meiner Meinung nach, dass Kriege wie zurzeit in der Ostukraine nichts außer Tod und Leid bringen und auch noch die nachfolgenden Generationen mit Traumata und Verlusten belasten.

Durch die ehemalige Zugehörigkeit zur Sowjetunion und dem Umstand, dass viele Ukrainer sogar muttersprachlich Russisch sprechen, werden sie im Ausland, vor allen jedoch von Deutschen und Amerikanern oft mit Russen verwechselt, oder sogar wissentlich in einen Topf geworfen. Dies ist angesichts der aktuellen Entwicklungen in der Ostukraine besonders schmerzlich für die Ukrainer. Fühlen sich doch die meisten mit den Russen in Brüderlichkeit verbunden, vor allem da der Zweite Weltkrieg noch sehr präsent in den Köpfen ist und Großmütter und -väter aus allen Sowjetstaaten noch Seite an Seite gegen den gemeinsamen Feind, den Faschismus gekämpft haben. Ich empfehle also dringend auf die Wortwahl zu achten und die kulturellen Besonderheiten der Ukraine als ukrainische Kultur wahrzunehmen: Kokoschniks (Кокошник) tragen nur russische Frauen, auch wenn die ukrainische Tracht ansonsten Ähnlichkeiten aufweist. Auch wenn Pelmeni beliebt und weit verbreitet sind, sollte man sie nicht als ukrainische Spezialität bestellen, diese sind Wareniki. Wodka heißt in der Ukraine Horilka und wenn man ins Gespräch kommt, sollte man Fragen zum Konflikt, wenn überhaupt offen und neutral formulieren. Immerhin handelt es sich aus Sicht vieler Ukrainer um einen tragischen Kampf Bruder gegen Bruder.

 Collage Unterschiede Russen und Ukrainer

Abb.2 Links Frau in russischer Tracht mit Kokoschnik, links Pelmeni, rechts Wareniki, unten Huzule mit Trembita, rechts Frau in ukrainischer Tracht mit typischer Stickerei

UPDATE: Dies ist einer der Artikel, die ich vor dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine (24.02.2022) geschrieben habe. Interessanterweise am 17.02.2022, als ob ich geahnt hätte, dass da was im Busch ist. - "Meine Ukrainer" und ich sind immer noch hin und her gerissen. Natürlich will ich das russische Volk in Gänze nicht verurteilen, aber ich würde mir schon mehr Widerstand in den "eigenen Reihen" wünschen. Einen Sturz des Putin Regimes. Mehr Solidarität mit der Ukraine. Auch wenn das hier in der deutschen Sicherheit und Meinungsfreiheit natürlich leicht gesagt und eingefordert ist, immerhin droht mir beim Tragen einer blau-gelben Haarschleife in der Öffentlichkeit weder Berufsverbot, noch Gefängnis, noch Wegnahme meiner Kinder. Dennoch macht mich das Rumgeheule und Opfergebaren mancher hier ansässiger und mir persönlich bekannter Russen und Russinen wütend. Es ginge in den Medien nur noch um die Ukraine und alle seien plötzlich "russophob".  Auch stimmt nicht, dass es nur "Putins Krieg" ist. Die Soldaten, die die Ukraine angreifen, dort Frauen, Kinder und Männer schänden, verstümmeln und töten sind Russen. Die Nachrichtenreporter*innen, die das Putin Regime durch Propaganda aufgebaut haben und nun weiter stützen sind Russen und Russinen! Die Menschen, die die Nachrichten verfolgen, sich nicht weitergehend informieren, die z.T. noch auf die völkerrechtswidrig annektierte Krim in Urlaub (!!!) fahren sind russisch! Die Beamten, die Journalisten in Russland verfolgen sind russisch.
Mich erinnern diese ganzen Beteuerungen und Beschwichtigungen extrem an sämtliche Ausreden der deutschen Bevölkerung nach dem 2. Weltkrieg. "Opa war Elektriker, er hatte so zwei Strom- Blitze auf seinem Helm", "Wir haben von nichts gewusst." "Der jüdische Schuster, der ist dann einfach irgendwann weggezogen." Meine zwei taubstummen Ur-Onkel, sind durch die Nazis auch lediglich in ein "Gesundheitszentrum" eingeliefert worden. Schade nur, dass sie kurze Zeit später ganz unvermittelt an Lungenentzündung und Tuberkulose "gestorben worden" sind. Man kann sich alles schön reden und die Schuld und Mitverantwortung von sich weisen. Aber im 21. Jahrhundert mit Zugang zu sämtlichen freien Nachrichten über das Internet wird keiner der Menschen in Russland später sagen können, er oder sie habe "von nichts gewusst"!

(Zu der Verwechslung mit den Russen hat der zweite Präsident der Ukraine ein interessantes Buch geschrieben: Leonid Kutschma, Die Ukraine ist nicht Russland, 2003)



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