Sprache & Kulturelles

Kultur des Nichtlächelns in der Ukraine

Der böse Blick der Ukraine - Not Smiling Country!!

Dies ist ein vertiefter Beitrag zu der kurzen Übersicht „5 Dinge die du vor deiner Reise in die Ukraine wissen solltest!“ den du auch hier im Blog findest.

Gerade noch heute morgen hat mich das ungute Gefühl beschlichen aufzufallen. Manche Menschen wollen auffallen. Ich bin dem als extrovertierter Mensch grundsätzlich nicht abgeneigt, möchte jedoch gerade beim Reisen lieber Teil der Masse werden und mich gut integrieren. Ich bekomme so die besseren Einblicke in die Kultur.   

Auf dem Spielplatz nun wurde ich aus allen Himmelsrichtungen skeptisch beäugt. Zumindest habe ich es so empfunden. Große Kinderaugen, ernste Gesichter. Zurück beim Bus nahm ich auch wieder diese Blicke war. Ein junger Mann neben einem sehr teuren Auto mir unbekannter Fabrikation, schaute auf unser Kennzeichen, zurück zu uns und wieder zu seinem Auto. Er kam mit getragenem Ausdruck zu uns und redete kurz mit meinem Mann. Ich wurde unruhig und wollte wissen was passiert sei. „Nichts, gar nichts. Entspann die Brötchen.“ beruhigte mich mein Falke. „Der junge Herr fährt zurück nach Kiew und fragte uns bescheiden, ob wir seine Trinkwasservorräte übernehmen möchten.“. Ich freute mich und sagte artig Danke in die Richtung des jungen Mannes („дякую“). Dieser schaut mich nicht an aber nickt Richtung Boden. Als nächstes werde ich Zeugin, wie der mutmaßliche Oligarchensohn einen 6 Liter Behälter nach dem nächsten ablädt und wir mit 60 Litern Trinkwasser reichlich ausgestattet sind. Er verabschiedet sich knapp und braust in einer Staubwolke davon. 

Mein Falke munterte mich auf in dem er mich versicherte, dieses Verhalten sei eine reine Frage der Höflichkeit gewesen, da man auch die Frauen fremder Männer nicht einfach anlächele. Alles andere wäre Grundlage eines handfesten Klärungsbedarf. Er fügte charmant hinzu: “In orthodoxen Kulturen wie der Ukrainischen, kann dem durch zurückhaltende Mimik vorgebeugt werden.” 

Ein lächelndes Paar mit Hüten - Lachen in der Ukraine als Zeichen von Schwäche

Dieser Punkt leuchtete mir ein, erinnerte es mich doch an meine kürzlich erworbene Kenntnis rund um das Phänomen der Begrüßung und des Händeschüttelns. Jedoch gibt es  im russischen Sprachraum auch noch die vielzitierte Volksweise: „Lächeln ist ein Zeichen für Schwachsinn“. Wer zu viel und ohne ersichtlichen Grund lächelt, wird schnell als debil abgestempelt. In einer Gesellschaft, in der es wenig soziale Sicherungen gibt und viel Respekt über das Auftreten (Auto, Kleidung, Haltung) eingeholt wird, gilt es seine Schwächen nicht offen zu zeigen. So kommt es auch, dass Menschen in netter Absicht mit komplett ernster Miene an mich getreten sind und ich, schon ernstlich in Sorge, lediglich die runtergefallene und sorgfältig abgeklopfte Mütze meines Kükens überreicht bekommen habe.  Wären sie zu freundlich an mich herangetreten, hätte ich sie für Bettler, Irre oder Kriminelle halten können! In diesem Fall wäre ein harsches: „Durakov zdes net!“ („Hier gibt es keine Dummköpfe“ = Ich weiß Bescheid!) meinerseits sehr angebracht gewesen.

Manche Menschen begründen die ernsten Mienen als eine Art Selbstschutz, denn wenn man zu offensichtlich einen guten Tag hat, kann das Missgunst hervorrufen, nach dem Motto: „Wer bist du, dass du einen guten Tag hast, guck dich mal um, das Leben ist Tristesse und Misere und du begreift scheinbar nicht, dass es allen schlecht geht! (Im Worst-Case begleitet von einem „Ich werd dir helfen die Misere zu begreifen!“)“. Die jüngere Generation macht gerne Scherze über das ernste und leidgeplagte „Sowjetgesicht“.

 Bürger der Sowjetunion ernst und rauchend

Die Ukraine ist definitiv ein Land im Wandel und es gibt meiner Ansicht nach eine ausgesprochene Lockerung der alten sozialen Verhaltensmuster, vor allem weil sich die wirtschaftliche Situation vieler Menschen in den Städten gebessert hat.

UPDATE: Aktuell befindet sich die Ukraine im Krieg. Obwohl es gerade jetzt für die wenigsten Ukrainer*innen etwas zu Lachen geben dürfte offenbart sich hier Humor als eine wahre Stärke der Ukrainer*innen. Im Gedächtnis geblieben sind mir viele Eindrücke aus meinem privaten Umfeld und auch den Nachrichten, so z.B. die des Töpfers Volodymyr Kyryk, der auf einen Bombenkrater auf seinem Grundstück zeigt und schmunzelnd sagt: "Eigentlich dachte ich daran hier eine Garage hin zu bauen. Nun liebäugel ich mit einem Swimming-Pool."

Als Deutsche bereits zu den „Viel-Lächlern“ zu gehören ist jedoch erstmal eine schöne Erfahrung, gelten Deutsche doch in vielen Ländern als kalt und humorlos. Auch wenn ich manchmal per se als dämlich abgestempelt werden dürfte, konnte ich auch die warme Erfahrung einer Art Welpenschutz machen. Mir ist es immer noch lieber unterschätzt zu werden. In mancher Situation galt daher für mich definitiv die Weisheit, das Lächeln die eleganteste Art ist, seinen Gegnern die Zähne zu zeigen.

Frau die lächelt oder Zähne zeigt?

Wenn man jedoch das Glück hat Freunde und Bekannte in oder aus der Ukraine zu kennen, stellt man schnell fest welche Herzlichkeit mit der ukrainischen Kultur einhergeht und das Gastfreundschaft hochgeschätzt wird. Es ist nahezu unmöglich sich nicht beträchtlich zu überfressen und nicht unterscheiden zu können, ob die Bauchschmerzen von einer Überbeanspruchung der Lachmuskeln oder von den üppig dargebotenen Speisen und Getränken herrühren. Und wenn man es dann doch schafft sich von der Gastlichkeit loszureißen findet man sich plötzlich mit Tüten von Einmachgläsern und Würsten in seinem Hotelzimmer wieder. 

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