Ukraine Krieg
Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine tobt nun seit 180 Tagen. Ein halbes Jahr Angst und Schrecken. Sorgen um eine nukleare Katastrophe durch einen russischen Atomschlag oder kriegsbedingt durch den Angriff russischer Truppen ein Super-GAU, auf ukrainischem Boden, eine globale Katastrophe durch ein Reaktor- Unglück der besetzten ukrainischen Kernkraftwerke.

Angst um Soldaten und Zivilisten, verheerende Zerstörungen, Bilder von Flucht, Tod, Folter, nicht ermessbarem Leid, die wir selbst hier, im noch sicheren Deutschland vermutlich unser Leben lang nicht wieder aus unserem Gedächtnis löschen können.

Ich erlebe ein Wechselbad der Gefühle, beobachte geschockt, wie ich als nun ehemalige Pazifistin Waffenlieferungen und militärische Hilfe jeder Art befürworte und fordere! Es war so leicht Pazifistin zu sein, solange meine Familie von den weltweiten Kriegen nie direkt betroffen war!

Es wechselten sich Phasen ab, in denen wir zusammen Nächte vor den Handys verbracht haben, in Angst vor Kontaktabbruch mit Angehörigen. Jeden Einschlag, jede Detonation aus den sozialen Netzwerken mit uns bekannten Landmarken, Karten verglichen und gehofft und gebangt haben, dass es nicht „unsere“ trifft. Aber es trifft „unsere“. Jeden Tag. Nach Wochen und Monaten im Kriegszustand- selbst hier in Dortmund über den persönlichen Kontakt in die Ukraine, die Nachrichten und die geflüchteten Menschen bei uns, kann ich von Herzen sagen: Jeder Ukrainer, jede Ukrainerin, jedes ukrainische Kind, die getötet, verwundet, geschändet, traumatisiert werden, jedes ukrainische Baby was nicht geboren werden wird, alle der Ukraine zur Unterstützung geeilten Helfer, Militärs aus der ganzen Welt, Männer und Frauen aus den USA, Schottland, Litauen, Polen, Weißrussland ja sogar russische Kämpfer auf Seiten der Ukraine, jeder dieser Menschen ist einer der „unseren“.

Meine Gebete, meine Hoffnung, mein Dank gelten ihnen allen. Zwischendurch war meine Angst, mein Bangen, mein Zweifel so groß, dass es Phasen gab, in denen ich tagelang versuchte, mich von den Nachrichten abzuschirmen. Nichts mehr wahrzunehmen. Die Menschen in den Kriegsgebieten haben diese Option nicht. Ich schämte mich, satt, mit einem kleinen Teil der Ukrainer*innen bei uns in Sicherheit lebend, nicht mal die Bilder, die Nachrichten aus der Ukraine aufnehmen zu können. Betrieb ich so nicht Verrat an den Zivilisten und tapferen Kämpfern? Als die Soldaten und Soldatinnen im Asow-Stahlwerk eingekesselt waren, wurde ich fast wahnsinnig vor Hilflosigkeit. Nun die Sorge um Schauprozesse zum Tag der Unabhängigkeit der Ukraine in Mariupol. Was kann man dagegen tun? Es ist zum verrückt werden. Da helfen auch kein Digital-Detox, keine Katzenvideos und kein Ausdauersport.

Als die Nachricht der Folter, der Genitalverstümmelung durch russische Soldaten an ukrainischen POW (Kriegsgefangenen) trotz selbst auferlegter Nachrichtensperre an mich drang, spürte mein ehemaliges Pazifistenherz den heißen, lodernden Wunsch der Vergeltung. Den Drang nach Rache. Vielleicht auch Hass auf die abgestumpften, kalten Menschen, die so etwas an wehrlosen Gefangen verüben können. Mehr noch Hass auf die Troll – gewordenen Menschen, die so etwas kaltschnäuzig in „lustigen“ Memes verarbeiten und in den sozialen Netzwerken teilen. Die Beiläufigkeit, mit der Ukrainer*innen das Mensch sein, das Recht auf Selbstbestimmung, auf ein eigenes Land abgesprochen wird schockiert mich. Das zynische Abwiegen zwischen wirtschaftlichen Notwendigkeiten der Industriestaaten und dem Überlebenskampf eines Volkes, einer Nation. Die Gefühle, die ich durchlebe, die Gedanken, die ich denke, schockieren mich.

Die Nachrichten, wie selbst Amnesty International mit ihrem in die Kritik (bzw. Shitstorm) geratenen Bericht Verständnis für Russland zeigt, dass 44.700 getötete russische Soldaten noch nicht ausreichen, um den Nachschub an menschlichem Kanonenfutter aus Russland zu unterbinden, dass die ganze Zerstörung und der zersetzende Gestank des Todes nicht ausreichen, russische Touristen vom Urlaub auf der Krim abzuhalten. Das alles schockiert mich!

Harmlos anfangende Gespräche mit Menschen auf der Straße schockieren mich. Da war dieser Mann, dessen Hund mich an einem sonnigen Morgen als ich auf die U-Bahn wartete, herzerwärmend begrüßte. Nach flauschigem Smalltalk über Hund und dem Wetter fing er unvermittelt an über die Politik herzuziehen, wie spätestens im Winter alles vor die Hunde gehen werde, weil die Ukrainer uns wirtschaftlich so sehr schaden würden und die Politik nicht zu Putin halten würde, wie es seiner Ansicht nach „vernünftig“ wäre. Es wäre doch jahrzehntelang alles gut gegangen und jetzt würde man für ein paar Ukrainer alles aufs Spiel setzen. Wenn diese Uneinsichtigen doch einfach das Stückchen Erde aufgeben würden und sich Russland anschließen würden, wäre allen geholfen.
Ich bin bis jetzt schockiert, vor allem wenn ich mir annähernd vorstelle, dass er mit seiner Meinung leider absolut nicht allein ist.

Mir hilft nur das Schreiben, Kontakt mit den Ukrainer*innen, die wir in Sicherheit bei uns bringen konnten, Ablenkung wann immer möglich und mit meinem Gewissen vereinbar und seit kurzem auch gezielt selektive Wahrnehmung. Ich suche mir Erfolge der ukrainischen Armee raus, scanne die Nachrichten nach jedem optimistischen Beitrag, feiere kleine Siege, raffinierte Schachzüge der Armee, der Partisanen und versuche den Abzug, die Niederlage des russischen Militärs aus der Krim, aus der Ukraine zu visualisieren. Während weitestgehend ungestört die International Armee Games die russische „Kriegs-Olympiade“ in Russland stattfindet, stimmt es mich optimistisch, dass Putin sich nun erneut den seit 2016 durch Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko im Raum stehenden Anschuldigungen der Pädophilie stellen muss. Der aktuelle Twitter-Trend #PedoPutin vermag vielleicht das letzte Zünglein an der Waage zu sein, um das russische Volk endlich gegen den verehrten Diktator auf die Barrikaden zu bringen und den Zerfall des Putin- Regimes von innen auszulösen.

Ich weiß, dass es damit nicht getan ist. Ich weiß, dass trotz der Tapferkeit, der unfassbaren Stärke der unterschätzten Ukraine und ihrer Bewohner*innen auch nach einem Abzug der russischen Armee noch 100 Jahre Arbeit und Aufarbeitung auf die Ukraine warten. In Deutschland führen immer noch Funde von Weltkriegsbomben bei Bauarbeiten zur temporären Evakuierung zehntausender Menschen. Die Ukrainer*innen die bei uns sind, bekommen das aus den Nachrichten mit. Das intellektuelle Verständnis für die Langwierigkeit der Situation ist bei allen da, aber ich merke selbst, dass es trotzdem unmöglich ist, das Ausmaß wirklich zu begreifen.

Der Schock, das Trauma wird noch lange da sein. Vielleicht kommt irgendwann so etwas wie eine innere Annahme und hoffentlich eines Tages die Aufarbeitung. 


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